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Popowitsch

EXKLUSIV-INTERVIEW MIT PAWEL POPOWITSCH

Die bemannte Raumfahrt der UdSSR bildet den Inhalt eines Exklusiv-Gesprächs von FLUG REVUE+flugwelt-Mitarbeiter Rudolf Hofstätter mit dem zweifachen sowjetischen Raumflieger Generalmajor Pawel R. Popowitsch. In einem ausführlichen und thematisch weitgefächerten Interview steht er Rede und Antwort zu Fragen aus den folgenden Bereichen: Zukunftsprojekte, neue technische Entwicklungen, Probleme mehrmonatiger Flüge sowie damit zusammenhängender neuer Lebensversorgungssysteme.

Popowitschs interessante und mit neuen, bislang unbekannt gewesenen Einzelheiten verbundene Ausführungen gipfeln in folgenden Feststellungen: Die UdSSR besitzt eine Raumfahrtträgerrakete von der Art der amerikanischen Saturn V, bemannte Flüge bis zu fünf bis sechs Monaten Dauer stellen kein Problem dar und vor allem: Der sowjetische Raumtransporter Kosmoljot wird möglicherweise noch vor seinem amerikanischen Gegenstück Space Shuttle im All fliegen...

Einer der wohl interessantesten Gesichtspunkte bei der Betrachtung der sowjetischen bemannten Raumfahrt ist die Frage nach neuen, für die Zukunft geplanten Projekten. Darüber ist in der Öffentlichkeit nur wenig oder gar nichts bekannt. Fest steht lediglich, daß z. B. auch die UdSSR einen Raumtransporter baut. Spezielle Angaben über den Entwicklungsweg und-stand diesesGeräts sowie dessen vorgesehene Flugtermine fehlen aber ebenso wie Angaben über etwaige andere im Bau befindliche neue bemannte Raumfahrzeuge. Deshalb lautet Rudolf Hofstätters erste Frage an Generalmajor Popowitsch:

FLUG REVUE+flugwelt: Baut die Sowjetunion einen mehrmals verwendbaren Raumtransporter ?

Popowitsch: Ja, in der Sowjetunion wird jetzt so ein Projekt entwickelt und daran gearbeitet. Das ist eine wirtschaftliche Lebensfrage der Raumfahrt. Zuerst hat man gedacht, der Nutzeffekt eines mehrmals verwendbaren Raumpendlers sei etwa zehnmal höher als der Start von Trägerraketen. Genaue Analysen haben aber gezeigt, daß ihr Nutzeffekt lediglich zwei- bis dreimal wirtschaftlicher ist. Trotzdem sind sie natürlich wirtschaftlich interessant.

Über die Systemkonfiguration selbst bestehen mehrere Meinungen. Manche glauben, man soll diese Raumfähre nicht zweistufig, sondern drei- oder gar vierstufig bauen. Diese Frage wurde diskutiert, und das beste System hat sich herauskristallisiert.

FR: Der sowjetische Raumtransporter Kosmoljot wird aus zwei Stufen bestehen?

Popowltsch: Allgemein gesagt haben Sie recht. Er wird aus zwei Stufen bestehen. Ein Teil kehrt zur Erde zurück, der andere Teil steigt in die Erdumlaufbahn auf. Aber es sind noch nicht alle Probleme gelöst.

FR: Ab wann wird der Kosmoljot voraussichtlich zum Einsatz kommen?

Popowitsch: Wir leben im Zeitalter der wissenschaftlich-technischen Revolution. Da kann für die vorhandenen Probleme plötzlich und unerwartet eine Lösung gefunden werden, die wir jetzt noch nicht vorhersehen können. Wenn ich Ihnen sage, er wird im Jahre 1977 fliegen, werden Sie mir das nicht glauben. Ebenso wenn ich sage: erst im Jahr 2000.

FR: Also wird Kosmoljot nicht vor dem amerikanischen Space Shuttle fliegen?

Popowitsch: Das habe ich nicht gesagt! Ich stelle den Antrag: Warten wir ab!

FR: Nun zu einem anderen Bereich der bemannten sowjetischen Raumfahrt: Wird Sojus in Zukunft wieder mit drei -Mann Besatzung zum Einsatz gelangen?

Popowitsch: Ja, aber nicht nur mit drei Personen. Der bisher letzte Flug mit drei Mann war Sojus 11 mit Dobrowolski, Wolkow und Pazajew. Danach ist Sojus für zwei Mann Besatzung umgebaut worden. Anstelle der dritten Person wurden verschiedene Apparaturen untergebracht, die die Flugsicherheit erhöhen und die Besatzung vor möglichen Gefahren schützen.

FR: Wird man diese Geräte in Zukunft an einem anderen Platz unterbringen, um so wieder für den dritten Raumflieger Platz zu schaffen?

Popowitsch: Ja, wir arbeiten an diesem Problem. Wir arbeiten an verschiedenen anderen neuen bemannten Raumfahrzeugen ...

FR: ... für eine größere Besatzungskapazität als Sojus?

Popowitsch: Die jeweilige Mannschaftsstärke wird vom jeweiligen Flugprogramm abhängen. Grundsätzlich sind wir immer bestrebt, die Mannschaftszahl so klein wie möglich zu halten, obwohl die Aufgaben der Flüge immer größer und größer werden. Im jetzigen Stadium muß daher ein Raumflieger ein Universalfachmann in mehreren verschiedenen Gebieten sein und von Astronomie, Technik, Biologie, Medizin usw. etwas verstehen.

Ein Start eines Raumflugkörpers mit einer großen Anzahl von Menschen ist mit einem. großen Risiko verbunden. Raumflugkörper z. B. für 10 Mann Besatzung wird man günstiger erst im Weltraum aus einzelnen Teilen zusammenbauen.

FR: Wie lange werden die für die nächsten Jahre geplanten bemannten Raumflüge der UdSSR dauern?

Popowitsch: Meiner Meinung nach stellt heute ein Flug in der Schwerelosigkeit von einer Dauer bis zu fünf bzw. sechs Monaten kein großes Problem mehr dar. Aber die Aufgabe der Raumfahrt besteht ja nun nicht darin, daß die Flüge um jeden Preis immer länger und länger dauern und wir ständig neue Rekorde aufstellen.

Unsere kommenden Flüge werden verschieden lang sein - von nur wenigen Erdumkreisungen bis zu einigen Monaten. Das hängt jeweils von den Flugaufgaben ab. Jetzt fliegt man hauptsächlich wegen der Erkundung der Erde, und nicht, um Rekorde aufzustellen. Sehr lange Aufenthalte des Menschen im Weltraum aber werden nur bei Erzeugung einer künstlichen Schwerkraft in den Raumfahrzeugen möglich sein. Für kürzere Flüge ist ein Schwerkraftersatz selbstverständlich nicht notwendig. Allerdings: Es würde auch hier nicht schaden!

FR: Gibt es hier keine Grenze? Sagen wir, daß man bei Flügen bis zu einem halben Jahr Dauer ohne Schwerkraftersatz auskommt, daß darüber künstliche Schwerkraft aber unumgänglich ist?

Popowitsch: Nein, noch nicht. Das ist ja gerade eines der wichtigsten Probleme, das wir jetzt lösen müssen: Diese Grenze, wie Sie richtig sagen, zu finden. Bestimmt gibt es irgendeine Barriere, ab der beim Menschen - falls er ohne künstliche Schwerkraft fliegt - im Organismus Prozesse und Veränderungen auftreten, die nach der Rückkehr auf die Erde wahrscheinlich nicht mehr wiedergutzumachen sind.

Deshalb ist es fraglich, ob Menschen mehr als fünf, sechs Monate ohne Schwerkraftersatz fliegen werden. Ich möchte aber betonen, das ist meine persönliche Meinung. Natürlich wäre es mir lieber, wenn ich mit meiner Behauptung, daß diese Grenze bei sechs Monaten liegt, nicht recht hätte. Es wäre besser, wenn man mehrere Jahre ohne Schwerkraftersatz fliegen könnte,

FR: Ein Programmpunkt Ihres Fluges mit der Raumstation Saljut 3 waren Versuche zur Aufzucht von Bakterien ...

Popowitsch: Ja, bei diesem Experiment ging es darum, ein neues Lebensversorgungssystem für lange bemannte Flüge zu schaffen, ein sogenanntes biologisches System. Lange Flüge sind ja nicht nur technisch, medizinisch usw. kompliziert, sondern hauptsächlich hinsichtlich der Frage nach der Sicherung des Lebens für die Besatzung, ihre Ernährung etc.

Dazu muß im Raumflugkörper ein geschlossenes biologisches System geschaffen werden, an dem auch verschiedene Bakterien teilnehmen werden. Solche Systeme sind bereits vorhanden, aber sie passen nicht in die Raumflugkörper: Sie sind zu groß und zu schwer. Sie müssen erst kleiner, kompakter werden, um bei sehr langen Flügen die Mannschaft zuverlässig mit Wasser, Luft, Gemüse, Früchten und Fleisch zu versorgen. Wir arbeiten weiter an diesem Problem. Es ist noch nicht gelöst.

Ein anderes ernstes Problem langer Flüge ist psychologischer Art. Die Mitglieder der Besatzung müssen gut zueinander passen - und noch etwas: Hier auf der Erde ist ein Mensch jeden Tag verschiedenen optischenund akustischen Reizen ausgesetzt. Wir sehen verschiedene Gegenstände, die Umwelt wechselt usw. Im Raumfahrzeug ist es dagegen bei einem langen Flug monoton, eintönig: Die Umgebung ist immer gleich, die Raumflugkabine ist klein. Das alles drückt auf die Psyche des Menschen. Dieser Moment tritt bei fast allen Raumfliegern bereits nach einem Monat des Fluges ein.

FR: In Saljut 3 haben Sie außerdem u. a. auch Lasten transportiert. Weshalb muß der Transport von Lasten in der Schwerelosig keit erlernt werden? Was ist dabei zu berücksichtigen, und was waren das für Lasten? Dieses Experiment war meines Wissens ein Vorversuch für die Arbeit in künftigen Werkhallen und Fabriken im Weltraum ...

Popowitsch: Ja, das hängt damit zusammen. Zuerst haben wir dieses Problem in Flugzeugen bei kurzfristiger Schwerelosigkeit untersucht. Deshalb haben wir ausrechnen können, mit weicher Größe von Gegenständen man in der Raumstation zurechtkommen kann. Die Lasten waren verschiedene Gegenstände mit verschiedenen Abmessungen und Massen in derGrößenordnung von ein paar Kilogramm bis zu einigen hundert Kilogramm.

Wenn ich auf der Erde eine Flasche hochhebe und sie loslasse, so sind wir daran gewöhnt, daß sie hinfallen wird. Der gleiche organg in der Schwerelosigkeit des Weltraums ist eine andere Sache: Die Flasche wird nicht hinfallen, sondern weiterfliegen und irgendwo anstoßen. Unsere Aufgabe war es, zu erkunden, wie man leichte und schwere Lasten bewegen und transportieren soll, damit sie keine Beschädigung in der Raumfahrzeugkabine anrichten. Dabei spielt die Masse derjeweiligen Last eine wichtige Rolle.

FR: Generalmajor Popowitsch, Sojus 22 war ein Gemeinschaftsunternehmen mit der DDR. Wird die Sowjetunion in Zukunft solche Flüge auch gemeinsam mit anderen befreundeten Ländern durchführen? Etwa um Bulgarien, Kuba, Polen, Rumänien u. a. Staaten aus dem Weltraum zu fotografieren wie unlängst die DDR ? Popowitsch: Ja, solche Projekte gibt es. Außerdem ist geplant, daß sich an Bord unserer bemannten Raumflugkörper nicht nur technische Ausrüstung aus anderen sozialistischen Ländern befinden wird. In Zukunft werden auch Raumflieger aus diesen Ländern zur Mannschaft gehören und an unseren Raumflügen teilnehmen.

FR: Im Gesprächsstadium befindet sich auch ein neuer gemeinsamer bemannter Raumflug mit den USA...

Popowitsch: Der Beginn der gemeinsamen Arbeiten zwischen den USA und der UdSSR in der bemannten Raumfahrt war bekanntlich der Flug Sojus-Apollo. Beide Seiten sind vom Nutzen dieser Zusammenarbeit überzeugt, und deshalb werden jetzt zwischen beiden Ländern Fragen der weiteren gemeinsamen Arbeit auf diesem Gebiet besprochen.

Meine Raumflieger-Kollegen und ich sind für die Fortsetzung dieserZusammenarbeit. Wenn wir die Anstrengungen aller Länder, dieRaumfahrt betreiben, vereinen und gemeinsam den Weltraum erforschen, können wir die Ergebnisse allen Menschen auf der Erde besser nutzbar machen. Ich bin überzeugt, daß in ein paar Jahren sehr viele Länder an einem solchen Projekt teilnehmen werden.

FR: Besitzt die Sowjetunion eine derart große Raumfahrtträgerrakete wie die Saturn V der USA?

Popowitsch: Wir haben alles!

FR: Hat diese Trägerrakete eine größere Leistung als die Saturn V?

Popowitsch: Nein. Das habe ich nicht gesagt. Die Sowjetunion verfügt wie die USA über sehr große und sehr starke Trägerraketen, die sehr große Raumflugkörper in den Weltraum befördern können, darunter für Starts in Richtung Mars und Venus.

FR: Ei ne abschl ießende Frage: Wieviele Kopplungsaggregate hat die Raumstation Saljut 5? In manchen Berichten ist von zwei Aggregaten die Rede ...

Popowitsch: Das ist nicht richtig! Saljut 5 hat nur ein Kopplungsaggregat. Am Ende dieses Gesprächs bitte ich Sie, Ihre Redaktion und die Leser Ihrer Zeitschrift recht herzlich zu grüßen!


Pawel Popowitsch

Pawel Popowitsch ist 46 Jahre alt, Generalmajor der Luftstreitkräfte der UdSSR und kam 1960 als Militärflieger in die Gruppe der ersten sowjetischen Raumflieger. Er war bisher zweimal im Weltraum: 1962 an Bord des Raumflugkkörpers Wostok 4 und 1974 an Bord des Raumfahrzeuges Sojus 14. Sein erster Raumflug dauerte drei Tage. Dabei führte er mit Andrijan Nikolajew in Wostok 3 das erste Rendezvousmanöver der Astronautik durch. Sein zweiter Raumflug erfolgte zusammen mit Juri Artjuchin und dauerte 15 Tage. Bei dieser Mission fand eine Kopplung mit der Raumstation Saljut 3 und anschließend ein umfangreiches Arbeitsprogramm an Bord dieser Station statt. Popowitsch ist heute in Swosdny Gorodok bei Moskau der Leiter der Ausbildung des sowjetischen Raumflieger-Nachwuchses. Er war war einer der Flugdirektoren beim Unternehmen Sojus 21/Saljut 5.


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Last updated 7 January 2002
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