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DIE DEUTSCHE LUFTWAFFE 1977

Die neue deutsche Luftwaffe wurde vor zwanzig Jahren aufgestellt. Sie hat alle an sie gestellten Aufgaben zur vollen Zufriedenheit der anderen NATO-Partner erfüllt. Ihr primärer Auftrag ist in all den Jahren gleich geblieben und wird auch in Zukunft keinem Wandlungsprozeß unterworfen sein. Es gilt, unser Land zusammen mit unseren Verbündeten wirkungsvoll zu schützen und jede Aggression von ihm fernzuhalten. Die Luftwaffe steht vor der Einführung neuer Flugzeugmuster, deren Leistungsvermögen unsere Verteidigung zweifellos weiter verbessern werden. Sie wird somit auch in den nächsten zwei Jahrzehnten gut ausgerüstet sein.

Am 9. Mai 1955 trat die Bundesrepublik Deutschland der Nordatlantischen Verteidigungsgemeinschaft (NATO) bei. Danach begann schrittweise der systemiatische Aufbau der Bundes wehr. Zehn Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht und einem auch in der Luft verlorenen Krieg entstand wieder eine deutsche Luftwaffe. Ihr eigentlicher Geburtstag war der 24. September 1956, als in Fürstenfeldbruck die ersten Flugzeugführer ihre Wings erhielten und die ersten Flugzeuge mit dem Eisernen Kreuz als Hoheitszeichen starteten.

Starfighter

Sie erhielt ausschließlich taktische Aufgaben und sollte gleichzeitig das Kernstück der integrierten Luftverteldigung Europas bilden . Nukleare Trägermittel waren zunächst noch nicht vorgesehen. Zu den Flugzeugmustern der ersten Aufbauphase gehörten neben dem Jagdbomber F-84F Thunderstreak und dem Aufklärer RF-84F Thunderflash auch die Jäger Sabre Mk.6 und F-86K Sabre.

Die Entscheidung der NATO, den taktischen Luftkrieg im Aggressionsfall auch mit nuklearen Mitteln führen zu können, machte für die Luftwaffe die Beschaffung eines hochmodernen Waffensystems erforderlich. Man einigte sich schließlich auf das von Lockheed entwickelte Flugzeugmuster F-104G Starfighter, das in den sechziger Jahren eingeführt wurde und bei vier Geschwadern noch heute im aktiven Truppendienst steht. Hinzu kam für leichte taktische Einsätze noch die von Fiat entwickelte G.91. Bis 1966 hatten alle Jabo-, Jagd- und Aufklärungsverbände auf diese beiden Muster umgerüstet, so daß die militärischen Erfordernisse der NATO voll erfüllt werden konnten.

Mitte der sechziger Jahre änderte die NATO ihr strategisches Konzept von der "Massiven Vergeltung" zur "Flexiblen Reaktion". Man ist damit in der Lage, eine Aggression zunächst mit den Mitteln zu beantworten, mit denen sie ausgeführt wird. Gleichzeitig bleibt man aber auf eine jederzeit mögliche Eskalation im konventionellen Bereich bis hin zum nuklearen Konflikt vorbereitet. Diese Änderungen im strategischen Konzept verschoben zwar die Schwerpunkte unter den einzelnen Aufgaben der Luftwaffe, veränderten sie aber nicht als Ganzes. Demnach sind ihre Einsatzaufgaben im Gesamtgefüge der NATO-Luftstreitkräfte auch heute noch:

  • Aufklärung,
  • Luftraumüberwachung und Luftverteidigung im integrierten NATO-System,
  • Bekämpfung der Luftstreitkräfte des Gegne rs am Boden,
  • Luftunterstützung der Land- und Seestreitkräfte,
  • Abriegelung des Gefechtsfeldes und in der Tiefe des Raumes,
  • Bekämpfung gegnerischer Landstreitkräfte und Störung der Nachschubwege,
  • Lufttransport für die gesamte Bundeswehr,
  • Bereithalten von Trägermitteln für nukleare Gegenmaßnahmen.

Für diese Aufgaben unterstellt die deutsche Luftwaffe ihre einsatzbereiten Kampfverbände ohne Ausnahme dem Befehlshaber der Alliierten Luftstreitkräfte Mitteleuropa (COMAAFCE), ihm unterstehen wiederum zwei Alliierte Taktische Luftflotten, die 2. ATAF unter britischer Führung in Mönchengladbach sowie die 4. ATAF unter deutscher Führung in Ramstein/Pfalz. In einem jederzeit möglichen Konfliktfall werden beide dem Oberkommando der NATO unterstellt und ihre Einsatzbefehle vom SHAPE erhalten.

Die fliegenden Verbände der Luftwaffe

Wie bereits erwähnt, hat die Luftwaffe im Rahmen der NATO ausschließlich taktische Aufgaben zu erfüllen. Diese verlangen jedoch zur optimalen Nutzung des technischen Leistungsvermögens aller Waffensysteme eine straffe und reaktionsschnelle Führung. Dazu sind im Frieden wie im Krieg ständige Informationen der gegnerischen Seite notwendig. Als ausgezeichnetes Mittel gilt diesbezüglich die Luftaufklärung, die zweifellos mit dazu beiträgt, vom Gegner nicht überrascht zu werden. Sie verschafft der Führung ein nahezu lückenloses Bild über Stärke, Absichten und Bewegungen des Gegners und ist somit in der Lage, eine Aggression zu "identifizieren".

Die deutsche Luftwaffe verfügt über zwei Aufklärungsgeschwader, die mit der allwettertauglichen McDonnell Douglas RF-4E Phantom II ausgerüstet sind. Es handelt sich um das AG 51 "lmmelmann" in Bremgarten und das AG 52 in Leck. Beide Einheiten rüsteten ab Anfang 1971 von der RF-104G auf die zweistrahlige RF-4E um, die aufgrund ihres Verwendungszwecks mit einer hochmodernen Kameraausrüstung versehen ist und auch über ein Seitensichtradar (SLAR) verfügt. Sie fliegt ihre Einsätze vorwiegend im schnellen Tiefflug, wobei ihr das Frontsichtradar zu Hilfe kommt.

Für die Luftraumverteidigung der Bundesrepublik Deutschland sind außer fünfzehn Fla-Raketenbataillonen auch zwei Jagdgeschwader zuständig - JG 71 "Richthofen" in Wittmundhafen und JG 74 "Mölders in Neuburg. Beide sind mit der Abfangjägerversion F-4F der Phantom II ausgerüstet, die außer einer fest eingebauten 20-mm-Kanone des Gatling-Typs M61 auch Sidewinder-Lenkwaffen mitführen kann. Ihre Radarausrüstung macht es möglich, nach einem vom Boden bis in die Nähe des Angreifers geleiteten Abfangeinsatz das Flugziel selbständig zu erfassen, zu verfolgen und bei günstiger Schußposition die Waffen auszulösen. Für Patrouilleneinsätze über dem Gefechtsfeld oder zum Schutz eines Objekts kann die F-4F mehr als zwei Stunden in der Luft bleiben.

Je nach Lageerfordernis ist sie aber auch als Jagdbomber einsetzbar und kann für diesen Zweck eine beachtliche Anzahl militärischer Außenlasten mitführen. Das Konzept des "Tactical Fighter" führte zu einer entscheidenden Vergrößerung des Potentials für Luftverteidigung und Luftangriff.

Als primäre Aufgaben eines Jagdbombers gelten neben dem Kampf gegen gegnerische Flugzeuge am Boden auch die Abriegelung des Gefechtsfeldes sowie die unmittelbare Bekämpfung gegnerischer Land- und Seestreitkräfte. Für diese Aufgaben verfügt die Luftwaffe über vier Jagdbombergeschwader, die mit der F-104G ausgerüstet sind - JaboG 31 "Boelcke" in Nörvenich, JaboG 32 in Lechfeld, JaboG 33 in Büchel und JaboG 34 in Memmingen. Hinzu kommen noch zwei weitere, mit der F-4F ausgerüstete Verbände - JaboG 35 in Pferdsfeld und JaboG 36 in Hopsten.

Für die unmittelbareLuftunterstützung auf dem Gefechtsfeld setzt die Luftwaff e die Fiat G.91 ein. Mit diesem leichten Kampfflugzeug sind zwei Geschwader ausgerüstet - LeKG 41 in Husum und LeKG 43 in Oldenburg. Obwohl die F-104G und auch die G.91 nun schon seit fünfzehn Jahren im aktiven Truppendienst stehen, werden sie noch bis Anfang der achtziger Jahre zur ersten Garnitur gehören. Erst dann sollen beide schrittweise durch die neuen Muster Tornado und Alpha Jet abgelöst werden.

Das europäische MehrzweckKampfflugzeug Tornado befindet sich derzeit im Stadium der fortgeschrittenen Erprobung. Außerdem liefen im Juli 1976 die Vorbereitungsarbeiten zu seiner Serienfertigung an. Die zweistrahlige Tornado, deren erster Prototyp am 14. August 1974 flog, soll auch bei der RAF und AMI eingeführt werden. Als erster Verband der Luftwaffe wird das JaboG 31 "B" auf dieses Hochleistungs-Waffensystem umrüsten. Für ihre sechs Einsatzaufgaben kann die Tornado bis zu 8200 kg Kampfmittel mitführen.

Der gemeinsam mit Frankreich entwickelte Strahltrainer und Erdkämpfer Alpha Jet steht seit Anfang 1976 ebenfalls in der Serienfertigung. In der zweiten Hälfte 1978 sollen der Luftwaffe die ersten Maschinen für Trainingszwecke zugeführt werden. Die WaSLw 50 in Fürstenfeldbruck wird als erste Einheit ab Februar 1979 einsatzbereit sein. Sie soll danach in JaboG 49 umbenannt werden und somit auch Kampfaufgaben erfüllen. Als Alpha Jet-Verbände sind die LeKG 41 und 43 vorgesehen, die ab Anfang 1981 mit der Umrüstung beginnen und danach den Status von Jagdbombergeschwadern erhalten (JaboG 41 und 43).

Der mit zwei Larzac-Turbofans ausgestattete Alpha Jet kann an seinen vier UnterflügelStationen bis zu 1710 kg Kampfmittel mitführen. Hinzu kommt als Behälter-Rüstsatz noch eine 30mm-Kanone (DEFA 553) mit 150 Schuß an der zentralen Rumpfstation.

Der Lufttransport dient der Unterstützung aller Teilstreitkräfte. Er ermöglicht den schnellen Transport von Personal und Material über Kurz-, Mittel- und Langstrecken. Dabei handelt es sich nicht nur um Versorgungs- und Verlegungstransporte, sondern auch um Einsätze für Luftlandeunternehmen sowie um Sondereinsätze für die militärischen und zivilen Bereich. Die für diese Aufgaben bei der Luftwaffe eingeführten Flugzeugmuster entsprechen allen Anforder ngen des Lufttransports. Diestrifft sowohl zu für ausreichende Aktiorisradien und genügende Zuladekapazitäten wie auch für das schnelle Umrüsten für Personen und Materialtransporte.

Aufgrund ihrer technischen Merkmale sind die bei der Luftwaffe fliegenden Transportflugzeuge für mehrere Aufgaben geeignet. Darüber hinaus kann durch Verbundeinsätze verschiedener Mittel eine optimale Auftragserfüllung sichergestellt werden. Letzteres gilt in besonderem Maße für die C.160 Transall und UH-1D. Die Luftwaffe verfügt über zwei Lufttransportgeschwader - LTG 61 in Landsberg und LTG 63 in Hohn. Beide sind mit dem deutsch-französischen Typ C.160 Transall ausgerüstet, der Nutzlasten bis zu 16000 kg befördern kann.

Für Kurier- und Arbeitseinsätze steht noch die von Dornier entwickelte Do 28D-2 Skyservant zur Verfügung, die sich besonders durch ihre STOL-Eigenschaften auszeichnet. Außer den beiden LTG gibt es in Ahlhorn noch das Hubschraubertransportgeschwader (HTG) 64, das im Oktober 1966 in Landsberg mit Sikorsky H-34 aufgestellt wurde. Es rüstete später auf die Beil UH-1D um, verlegte nach Ahlhorn und ist in erster Linie für militärische und zivile SAR-Einsätze zuständig.

Die Erfüllung des Auftrags der Luftwaffe machte von Anfang an und besonders für die Ausbildung von Flugzeugführern ein eigenständiges und leistungsfähiges System erforderlich. Nach einer flugmedizinischen und flugphysiologischen Eignungsprüfung in Fürstenfeldbruck beginnt jeder von ihnen seine Laufbahn beim Fluganwärterregiment in Uetersen. Es folgt die fliegerische Ausbildung mit je 131 Flugstunden auf den Strahltrainern Cessna T-37B und Northrop T-38A Talon in Sheppard AFB/Texas. Diesem Anfangstraining, das 53 Wochen dauert, schließt sich die eigentliche Waffenausbildung an. Sie wird je nach Eignung entweder bei der WaSLw in Fürstenfeldbruck auf der G.91 oder aber in den USA fortgesetzt, und zwar in Luke AFB/Arizona auf dem Starfighter oder aber in George AFB/California auf der Phantom II. Hat der angehende Strahlflugzeugführer alle Hürden seiner USA-Ausbildung erfolgreich genommen, erhält er nach seiner Rückkehr an der WaSLw 10 in Jever noch eine Einweisung in die europäischen Wetterverhältnisse.     Hans Redemann


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Last updated 7 January 2002
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