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JAK-36(?) FORGER

Das Debüt eines neuen sowjetischen Senkrechtstarters war neben der Landung einer MiG-25 in Japan die luftfahrttechnische Überraschung des vergangenen Jahres. Als im Juli 1976 der zur Kurilen-Klasse gehörende sowjetische 40 000 BRT-Flugzeugträger Kiew durch die türkischen Meerengen ins Mittelmeer einlief, richteten westliche Experten ihr Hauptaugenmerk auf einen bis dahin unbekannten Flugzeugtyp an Bord der Kiew. Fernaufklärer der NATO beschatteten den Träger auf seiner Fahrt durch das Mittelmeer und den Nordatlantik. Nachdem die ersten Fotos vorlagen, begann man im Westen mit der Analyse seiner technischen Konzeption und kam dabei zu ganz normalen Ergebnissen.

Anläßlich der nun schon legendären Luftparade führten die Sowjets im Juli 1967 auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo auch drei mit Hubtriebwerken ausgerüstete Kurzstarter vor, die jedoch nicht in Serie gebaut wurden und vermutlich nur als Versuchsträger für neue Triebwerkentwicklungen dienten.

Jakowlew

Hinzu kam seinerzeit noch ein bis dahin unbekanntes Muster, das in seiner Konzeption etwa dem britischen Harrier entsprach. Als Triebwerkanlage dieser mit Jak-36 (NATO-Code Freehand) bezeichneten Maschine dienten zwei nebeneinander im Vorderrumpf eingebaute 5000 kp-Hub-/Marschaggregate mit geteiltem Lufteinlauf und Schubumlenkdüsen im Rumpfheck. Das Fahrwerk der neuen Maschine, die während der Vorführung vom Versuchspiloten Muchin mühelos beherrscht wurde, ähnelte dem des Harrier. Es bestand aus rumpfseitigen Haupteinheiten und je einem Stützrad an Flügelauslegern. Besonders auffallend war die schnelle Transitionsphase ohne merkliche Nickbewegungen.

Obwohl die Jak-36 unter ihren Flügeln auch Raketenwerfer mitführte, wurde es in der Folgezeit ziemlich ruhig um das neue Muster. Es wurde von westlichen Fachleuten so genau wie möglich analysiert und in die Gewichtsklasse um 8000 kg eingestuft.

Nach der, Moskauer Luftparade hörte man von möglichen Fortschritten der sowjetischen Senkrechtstarttechnik mehrere Jahre nichts mehr. Ab und zu wurde im Westen gerüchtweise über ein neues bordgestütztes VTOL-Kampfflugzeug gesprochen, das man dann sofort mit dem neuen Flugzeugträger Kiew in Verbindung brachte. Alle Gerüchte und Spekulationen fanden schließlich am 18. Juli 1976 ihre Bestätigung. An diesem Tag machten Fernaufklärer der NATO das neue sowjetische VTOL-Kampfflugzeug an Bord der Kiew aus, nachdem diese die Dardanellen passiert hatte.

Man ist sich zwar bis heute nicht einig darüber, welchem Konstruktionsbüro die Entwicklung der neuen Maschine zuzuschreiben ist und blieb vorerst bei Jakowlew. Ferner gab man ihr die NATO-Codebezeichnung Forger (Fälscher) und ordnete sie in die Gewichtsklasse um 10000 kg ein.

Nach inoffiziellen Informationen wurde an Bord der Kiew, die normalerweise bis zu fünfzehn Forger und zwanzig U-Bootjagdhubschrauber des Typs Ka-25 Hormone mitführen kann, auch eine zweisitzige Trainerversion gesichtet. Ihr Rumpfvorderteil wurde zur Verbesserung der Sichtverhältnisse nach unten und vorn erweitert. Außerdem verlängerte man aus Schwerpunktgründen das Rumpfhinterteil. Im Gegensatz zum Einsitzer (Forger A) verfügt der Zweisitzer (Forger B) nicht über Unterflügelstationen für Waffen und Zusatztanks

Technische Beschreibung

Bei dem neuen sowjetischen VSTOL-Kampfflugzeug Jak-36 (?) Forger handelt es sich um einen freitragenden Mitteldecker mit einem Rüstgewicht von 6800 kg. Seine Triebwerkanlage besteht aus einem als Einkreiser ausgelegten Hub-/Marschaggregat mit einer Schubleistung von 8000 kp. Das Arbeitsmedium Luft wird ihm über zwei seitliche Einläufe mit Sekundärklappen zugeführt. Der Gasstrahl wird hinter dem Aggregat geteilt und über zwei Schwenkdüsen nach unten oder hinten abgelenkt.

Unmittelbar hinter dem Führerraum und zwischen den beiden Lufteinläufen sind zwei 3000 kp-Hubtriebwerke hintereinander und um 15° nach vorn geneigt eingebaut. Ihre Schubvektoren erzeugen somit noch eine zwar geringfügige, aber zusätzliche Vorwärtskomponente. Im Horizontalflug ist der Hubtriebwerksraum mit einer Klappe abgedeckt, deren Ausführung derjenigen der deutschen VJ 101C ähnelt.

An der Unterseite des in konventioneller Bauweise gefertigten Rumpfes sind zwischen den Einheiten des Hauptfahrwerks zwei Längsstrakes angeordnet. Sie wirken einer zu starken Luftverwirbelung bei VTOL-Manövern entgegen und erzeugen einen positiven Bodeneffekt.

Die Nasenpfeilung des 7,60 m spannenden Tragwerks, dessen V-Form bei -10° liegt, beträgt 40°. Es besitzt keine Grenzschichtzäune und zeigt eine aerodynamisch saubere Oberfläche. Die beiden Außenflügel sind zur besseren Unterbringung der Forger in den Hangars der Kiew nach oben klappbar. Sie sind mit Querrudern versehen, während an den Hinterkanten des Mittelflügels Landeklappen angeordnet sind.

Angesichts ihrer technischen Gesamtkonzeption und der sehr ruhigen Schwebeflugeigenschaften ist
die Forger vermutlich mit einer rechnergesteuerten Dreiachsenstabilisierung ausgestattet. Sie soll aber zusätzlich über rumpf- und flügelseitige Druckluftsteuerdüsen verfügen, wie sie auch beim Harrier angewendet werden. Berichten westlicher Fachleute zufolge reicht das Einsatzspektrum der Forger von der Gewaltaufklärung über Tiefangriffe auf Land- und Seeziele bis hin zur Abwehr gegnerischer Fernaufklärer. Das ebenfalls erwähnte Abfangen von Jagdbombern erscheint fraglich, da die Höchstgeschwindigkeit unter Mach 1,0 liegt und somit zu gering ist.

An ihren vier Unterflügelstationen kann die Forger über 13000 kg Kampfmittel mitführen, zu denen neben verschiedenen Waffen- und Raketenbehältern auch Luft-Luft-Lenkwaften des Typs AA-2 Atoll gehören. Ihre normalen Aktionsradien liegen in diesem Fall bei 450 km. Mit geringerer Waffenzuladung und mit zwei abwerfbaren 600 l-Zusatztanks lassen sie sich jedoch auf' über 800 km erhöhen.

Ausblick

Ein Leistungsvergleich zwischen der Forger und dem Harrier scheint gegenwärtig noch nicht angebracht zu sein, da deren Einsatzaufgaben unterschiedlich sind und der Harrier aufgrund seiner technischen Reife in vielen Punkten bedeutend besser abschneidet. Es ist jedoch mit Sicherheit anzunehmen, daß die Sowjets ihr neues VTOL-Kampfflugzeug konsequent weiterentwickeln werden und eines Tages erneut mit einer Überraschung aufwarten. Das Vorhandensein der Forger wird die Denkweise und Planung der westlichen Militärs zweifellos beeinflussen und hoffentlich auch nicht ohne Folgen bleiben. Es bleibt abzuwarten, wie man im Westen auf dieses Flugzeug reagiert.   Hans Redemann


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Last updated 21 May 2002
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