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Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Europa Interview mit General Alexander M. HaigGeneral Alexander M. Haig, Jr. hat das Oberkommando der US-Streitkräfte in Europa mit Wirkung vom 1. November 1974 übernommen. Der am 2. Dezember 1924 in Philadelphia im US-Bundesstaat Pennsylvania geborene Haig ist Absolvent der bekannten Offiziersakademie West Point im Staat New York, wo er Wehrwissenschaft studierte. Nach einer erfolgreichen militärischen Laufbahn wurde Haig im Juli 1967 Kommandeur des 3. Regiments des Kadettencorps in West Point und im Juli 1968 stellvertretender Kommandeur des Kadettencorps.Im Januar 1969 erhielt der General seine Berufung zum Militärberater beim Referenten des Präsidenten für Fragen der nationalen Sicherheit. Später wurde er stellvertretender Referent des Präsidenten in diesen Fragen. 1973 wurde er zum stellvertretenden Inspekteur des Heeres ernannt. Nach 26 Jahren schied General Haig im August 1973 aus dem aktiven Militärdienst aus. Bis Oktober 1974 war er Chef des Stabes im Weißen Haus, wurde dann wieder in den aktiven Dienst übernommen und zum Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Europa ernannt. Sein Hauptquartier USEUCOM (United States European Command) befindet sich in Stuttgart-Vaihingen. Unser Editorial Director USA, Norman Lynn, befragte General Haig zu Problemen innerhalb der NATO, zur Frage der Zweibahnstraßen-Politik zwischen den USA und der Bundesrepublik und zum Thema Technologie-Transfer. Flug Revue +flugwelt: General, man hört heute die verschiedensten Ansichten über das atlantische Bündnis. Zumeist aber handelt es sich dabei um kritische Äußerungen. Was sind denn Ihre größten Sorgen, wenn Sie an die NATO denken? General Haig: Am meisten bin ich über unsere Kurzsichtigkeit besorgt - vor allem, wenn ich an die Bedrohung der Sicherheit denke, der die westliche Welt ausgesetzt ist. Wir müssen die Fähigkeit der NATO steigern, die Kriegsführung im Bündnis zu beherrschen. Wir müssen das Ungleichgewicht im mitteleuropäischen Raum korrigieren. Aber auch wenn wir das erreicht hätten, würden wir nicht einmal am Anfang einer Abwehr jener Sicherheits-Bedrohung stehen, der der Westen heute ausgesetzt ist und die vor allem durch die Veränderungen verursacht wird, die in den sozialistischen Ländern eingetreten sind. FR: Können Sie näher auf diese Veränderungen eingehen? Haig: Seit das NATO-Bündnis vor 28 Jahren ins Leben gerufen wurde, hat es drei große Veränderungen in der Sicherheits-Umwelt" gegeben. Erstens: eine Verschiebung von der Bipolarität zur Multipolarität oder, wie man es auch nennt, zum internationalen Pluralismus. Zweitens: Die marxistisch-sozialistische Welt hat sich in zwei Lager mit zwei Kontroll- und Machtzentren gespalten. Das eine ist Moskau, das andere Peking. Drittens: Eine neue Gruppe revolutionärer Staaten hat sich gebildet deren Ziel die Gewinnung der Kontrolle der sozialistischen Macht auf der Welt ist. FR: Gesetzt den Fall, die NATO-Streitkräfte sind durch einen Angriff des Warschauer Paktes in einen konventionellen Krieg verwickelt und bereits geschlagen - welche Seite würde durch die Erstverwendung nuklearer Waffen den Krieg für sich entscheiden? Der Warschauer Pakt oder die NATO? Haig: Ich glaube nicht, daß der Westen irgendeinen Nutzen draus zieht, wenn wir genau definieren, wie unsere Waffen eingesetzt werden. Sehen Sie sich einmal unsere Abschreckung in der NATO an: Es herrscht ganz einfach Unklarheit darüber, wie unsere Reaktion ausfallen wird. Nein, durch eine Definition der Bedingungen, unter denen wir irgendeine Waffe zur Anwendung bringen, schwächen wir ganz einfach unsere erklärte Politik. In der Vergangenheit hat die bedeutende Überlegenheit und die Qualität des Westens an nuklearen Gefechtsfeld-Waffen eine abschreckende Wirkung auf die Sowjets gehabt. Mit dem Wachsen ihrer nuklearen Fähigkeiten wird der erste, selektive Einsatz mehr und mehr in Frage gestellt. Die NATO muß ganz einfach das tun, was zur Wahrung ihrer lebenswichtigen Interessen notwendig ist. (Anmerkung der Redaktion: Der sogenannte Nunn-Bartlett-Report des amerikanischen Kongresses weist darauf hin, daß der Ersteinsatz nuklearer Waffen auf dem mitteleuropäischen Gefechtsfeld dem Warschauer Pakt und nicht der NATO Vorteile bringen würde.) FR: In letzter Zeit hat es Meinungsunterschiede zwischen der Bundesrepublik Deutschland, aber auch zwischen anderen Staaten und den USA gegeben. Welche Sicherheiten, glauben Sie, werden von den USA gefordert, welche Garantien würden die NATO-Verbündeten von seiten der USA begrüßen? Haig: Erstens: Helfen könnten Garantien, die die gegenwärtig bestehenden Zweifel darüber ausräumen, wie ernst die USA die Politik der Zweibahnstraße nehmen. Bis jetzt war das eine löbliche, aber sozusagen atmosphärische Aussage. Nun magert die Zweibahnstraßen-Politik durch das hinhaltende Handeln der amerikanischen Administration zusehends ab. Das Pentagon wurde von Präsident Carter und Verteidigungsminister Harold Brown angewiesen, hinsichtlich der Beschaffung im Ausland tätig zu werden. Die Gespräche bezüglich multilateraler Maßnahmen sind im Gange. Diese Gespräche sind von größter Bedeutung, was die langfristige Standardisierung und Interoperabilität von Waffen angeht. FR: Was haben denn die USA nach dem geplatzten gemeinsamen Panzergeschäft, das in der Bundesrepublik so großes Unbehagen verursacht hat, unternommen? Was hat man getan, um die Verbündeten davon zu überzeugen, daß die USA auch wirklich zur Kooperation und zur Aufteilung von Rüstungsvorhaben bereit sind? Haig: Als Oberbefehlshaber vermeide ich bewußt Eingriffe in Detail-Systembeschaffungs-Entscheidungen und -Politik. Ich bin aber sehr für Fortschritte und Standardisierung bedeutender Systeme und Untersysteme. Wir sprechen nach wie vor über Standardisierung der Untersysteme eines kommenden Panzers. Der Wettbewerb hinsichtlich der Panzerkanone wurde sogar von den Deutschen gewonnen. Ich bin zuversichtlich, daß weitere Vereinbarungen ausgearbeitet werden, mit denen auch bei anderen Untersystemen als bei der Panzerkanone größere Standardisierung erreicht wird. FR: Kehren wir zur Thematik dieser Zeitschrift, zur Luftfahrt, zurück. Empfinden Sie nicht Beunruhigung über die Mängel der NATO an Luftverteidigungs-Fähigkeit? Was wird getan, um dies zu korrigieren? Haig: Ja, ich messe der dringend erforderlichen Modernisierung größte Bedeutung zu. Wir haben innerhalb von SHAPE (Oberstes Hauptquartier der Alliierten Mächte in Europa. Red.) ein ganzes Jahr an diesem Problem gearbeitet. Ich bin über das veraltete Nike-System - das ist unser Luftabwehrsystem kürzerer Reichweite - besorgt. Ich hoffe, daß sich die Belgier dazu durchringen werden, sich nicht aus dem Abwehrgürtel mit der verbesserten Hawk zurückzuziehen. Die verbesserte Hawk wird bis in die achtziger Jahre hinein lebensfähig" sein. Möglicherweise werden wir ein System für große Höhen und große Entfernungen benötigen, das das Nike-System ablösen wird, das mehr und mehr veraltet. Ferner haben wir verschiedene selektive Modernisierungsmaßnahmen bei unseren Luftabwehrkanonen geringer Reichweite vor. Wir benötigen ferner Verbesserungen bei der Koordination unseres Luftraumes, insbesondere da die von Hand abgefeuerten Luftabwehrwaffen mehr und mehr zum Einsatz gelangen. Und wir brauchen dringend eine Standardisierung bei IFF (Identification Fried-Foe = Freund-Feind-Kennung. Red.). FR: Zum Thema Technologie-Transfer mal eine sehr direkte Frage: Werden die Kampfflugzeuge McDonnell Douglas/Northrop F-18 und Northrop F-18L von den USA für die Verwendung in der Bundesrepublik Deutschland freigegeben? Haig: Ich vermeide es, mich in System-Beschaffungs-Fragen einzumengen. Das MRCA und das Modernisierungsprogramm der Deutschen Luftwaffe deuten darauf hin, daß sich Bonn der Tatsache bewußt ist, daß es verpflichtet ist, seine Kampfmittel zu modernisieren. Es ist klar, daß Bonn dies - mit welchen Mitteln auch immer- tun wird. FR: Ein anderer Verbündeter Großbritannien - ist auf einem anderen Gebiet eigenständige Wege gegangen. Ich meine das Frühwarnsystem Nimrod. Wie stehen die Chancen, daß das Nimrod-System in die NATO einbezogen wird? Haig: Es gibt eine ganz klare Forderung, die von den militärischen Autoritäten der NATO bekräftigt und voll unterstützt wird. Ein System wie Nimrod oder AWACS wird benötigt (AWACS = Airborne Warning and Control System = Flugzeug-Warn- und Leitsystem, Red.). Die Entscheidung der Briten vom Frühjahr letzten Jahres, sich auf Nimrod festzulegen, schließt ja eine gemischte AWACS- und Nimrod-Flotte für die Leitaufgaben der Verbündeten in Europa nicht aus. Wir verhandeln jetzt bezüglich der Details einer solchen gemischten Flotte und hinsichtlich der Anforderungen, die dadurch an die einzelnen Nationen gestellt werden. Es geht da um Wirtschaftlichkeitsfragen, die Frage der Stationierung und um Überschneidungen zwischen Nimrod und AWACS. Ich bin zuversichtlich, ja überzeugt davon, daß man in naher Zukunft Übereinstimmung erzielen wird - mit dem Resultat, daß man AWACS und Nimrod nebeneinander beschaffen und damit über eine leistungsstarke, integrierte und kombinierte Kommando-Fähigkeit verfügen wird. FR: Es hat sich in jüngster Vergangenheit gezeigt, daß sich die Kriegsführung mehr und mehr in den Weltraum zu verlagern beginnt. Welche Alternativen gibt es gegen Weltraum-Waffen"? Haig: Moderne Projektionen von Punkt-Punkt- und bodenstationierten Waffensystemen sind solche Alternativen. Wir müssen unser Gefechtsfeld nach der Formel C3 umstrukturieren (Command, Control, Communications = Kommando, Steuerung, Nachrichtenwesen, Red.) und auf diese Weise sorgfältiges Augenmerk auf die Verwundbarkeit unserer Satelliten richten, die durch die künftigen Möglichkeiten der UdSSR im Weltraum in starkem Maß bedroht sind.
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